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Brunnenstadt Oberursel

Stadt Oberursel

Oberursel trägt den Beinamen „Brunnenstadt“ ziemlich zu Recht. Die Brunnen sind hier nicht einfach Stadtmöbel oder Dekoration. Sie erzählen von der Wasserversorgung, von Handwerk und Gewerbe, von alten Ortsteilen und Alltagsbräuchen – und inzwischen auch von einem Stück moderner Oberurseler Identität.

Warum gerade „Brunnenstadt“?

Der Ausgangspunkt ist eigentlich gar nicht der Brunnen, sondern der Urselbach. Wasser spielte schon früh eine zentrale Rolle für die Entwicklung Oberursels. Es versorgte die Bevölkerung und lieferte zugleich die Energie für zahlreiche Mühlen. Mahl-, Öl- und andere Mühlen sowie das Tuchmachergewerbe profitierten davon. Die Stadt beschreibt daraus eine bis heute bestehende besondere Beziehung der Oberurseler zu „ihrem Wasser“ beziehungsweise zu „der Bach“.

Die heutigen Brunnen kann man deshalb fast wie kleine Geschichtsdenkmäler lesen. Manche gehen unmittelbar auf frühere Formen der Wasserversorgung zurück, andere erinnern an verschwundene Mühlen oder lokale Traditionen. Wieder andere sind moderne Neuschöpfungen.

Aktuell betreut allein der Bau & Service Oberursel 21 städtische Brunnen. Hinzu kommen weitere Anlagen der Stadtwerke und private Brunnen. Im Frühjahr heißt es traditionell „Wasser marsch“; bis zur Zeitumstellung im Herbst prägen die sprudelnden Anlagen dann wieder das Stadtbild.

Einige Brunnen erzählen besonders schöne Geschichten

Der Wäschfraa-Brunnen ist vielleicht eines der besten Beispiele dafür, wie sich Alltagsgeschichte in einem Brunnen erhalten hat. Sein Wasser galt als besonders rein, weshalb Oberurseler Familien dort ihre Wäsche reinigten – noch bis in die 1950er-Jahre. Anschließend wurde die Wäsche auf der nahe gelegenen Bleiche getrocknet. Zum ersten Oberurseler Brunnenfest 1979 entstand an dieser Stelle der heutige Brunnen mit der Figur der „Wäschfraa“ des Oberurseler Künstlers Georg Hieronymi.

Der Marienbrunnen dürfte dagegen der älteste Brunnen der Stadt sein. Bereits 1863 ist die Anlage an der Ecke Altkönigstraße/Königsteiner Straße kartografisch nachweisbar. In den 1960er-Jahren wurde sie neu gestaltet und schaffte es sogar auf Postkarten, geriet später aber in Vergessenheit und wurde stillgelegt. Zum Hessentag 2011 wurde der Brunnen erneuert; 2012 folgte die Einweihung.

Eine ganz andere Geschichte erzählt der Storchenbrunnen im Maasgrund. Er wurde von mehreren Quellen gespeist und versorgte früher sogar andere Brunnen im Stadtgebiet mit Wasser. Dazu kommt eine hübsche Oberurseler Sage: Aus diesem Brunnen soll der Storch die Kinder geholt haben. Der zeitweise vergessene Brunnen wurde 1972 beim Bau des Maasgrundweihers wiederentdeckt und versetzt.

Auch die Stadtteile haben ihre historischen Wasserstellen. Der Wetebrunnen in Stierstadt stammt beispielsweise aus dem Jahr 1893 und diente den Einwohnern tatsächlich zur Trinkwasserversorgung. Nach einer Renovierung wurde er zur Stierstadter Kerb 1979 wieder in Betrieb genommen. Ein weiterer Stierstadter Brunnen von 1898, ursprünglich vor dem alten Rathaus gelegen, wurde 2003 restauriert.

Brunnen erinnern auch an verschwundene Orte

Das finde ich an Oberursels Brunnenlandschaft besonders interessant: Einige Brunnen funktionieren fast wie dreidimensionale historische Hinweisschilder.

Beim Aumühlenbrunnen beispielsweise tritt das Wasser aus einem alten Mühlstein aus. Er wurde 2001 eingeweiht und erinnert damit an die ehemalige Aumühle – und zugleich an die große Bedeutung der Mühlen für Oberursel.

Der Felsenkellerbrunnen führt wiederum in die Oberurseler Biergeschichte. Am Marktplatz eröffnete der Brauer Philipp Kamper im 19. Jahrhundert die Gaststätte „Zum Felsenkeller“. Die 1852 eingeweihten Kellergewölbe – im Volksmund „Katakomben“ – dienten zur Lagerung der Bierfässer. An einer Stelle, an der sich früher eine Pferdetränke befand, wurde 1981 zum dritten Brunnenfest der heutige Felsenkellerbrunnen eingeweiht.

Und dann gibt es noch den Apfelweinbrunnen in der Oberen Hainstraße, der eine typisch hessische Tradition aufgreift. Ein Bronzering zeigt symbolisch den Weg von der Apfelblüte über den reifen Apfel bis zum Bembel. Die Frankfurt International School beteiligte sich damals mit 8.000 DM an seiner Fertigstellung. 1998 wurde der Brunnen erstmals getauft; nachdem der Bronzering unmittelbar vor der Taufe beinahe gestohlen worden war, wurde die Konstruktion überarbeitet und der Brunnen 1999 nochmals eingeweiht.

Mehr Informationen zu den Brunnen findet man unter der Rubrik „Brunnen“ und „Kühle Orte“!

Vom Wasser zum Brunnenfest

Die vielleicht wichtigste moderne Entwicklung begann 1979: In diesem Jahr fand das erste Oberurseler Brunnenfest statt. Seitdem gehören auch Brunnenkönigin und Brunnenmeister zur Tradition. Die Brunnenkönigin repräsentiert Oberursel und die Vereine über die Stadtgrenzen hinaus.

Das Brunnenfest entwickelte sich zu einem der wichtigsten identitätsstiftenden Ereignisse der Stadt. Gefeiert wird traditionell am Wochenende nach Pfingsten in der historischen Altstadt, in Höfen und Gassen, auf dem Marktplatz und auf der Bleiche. 2026 fand bereits das 45. Brunnenfest statt.

Damit schließt sich eigentlich ein schöner Kreis: Aus einer lebensnotwendigen Ressource wurde ein Teil der Stadtkultur. Früher brauchte Oberursel das Wasser zum Trinken, Waschen, für Vieh, Mühlen und Gewerbe. Heute erinnern historische und moderne Brunnen genau an diese Geschichten – und einmal im Jahr feiert die Stadt sogar ein großes Fest um dieses Thema.

Wer Oberursel kennenlernen möchte, kann deshalb einen Spaziergang von Brunnen zu Brunnen fast wie einen kleinen Rundgang durch die Stadtgeschichte verstehen: vom mittelalterlich und frühneuzeitlich geprägten Leben am Urselbach über Wäschfrauen, Mühlen, Pferdetränken und Trinkwasserversorgung bis hin zu Apfelwein, Kunst und Brunnenkönigin.

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